Es war ein halbes Jahr, bevor ich in die Berliner Innenstadt zog.
Ich bedurfte noch medizinischer Betreuung.
Mein dritter Herzinfarkt lag schon über ein Jahr hinter mir und ich bewohnte eine Hausmeisterwohnung mit zwei anderen Kranken.
Mein Nachbar war Epileptiker.
Er hatte gleich drei Süchte:
Die erste war Roulette und die zweite auch.
Die dritte bestand aus PC-Dauer-Online-Surfen im 48-Stunden-Takt.
Wenn man bei ihm an der Tür klingelte, hörte man ein stupides "...Moment warten bitte..." (ich kann mich nicht erinnern, dass er auch nur einmal die Tür direkt aufgemacht hat, ohne diesen Spruch) und dann wurde die Tür durch kurzes Herunterdrücken der Klinke geöffnet... ...und ehe man die Wohnung betreten hatte, saß er bereits wieder auf seinem Stuhl vor der Mattscheibe.
Er war online.
Online non-stopp.
Online in der Welt der Spielcasinos.
Seiner Welt.
Zum Ausleben seiner ersten Sucht, dem Spiel in den realen Casinos, kam er gar nicht mehr, wie er selbst sagte:
"...weil die Online Casinos einen ja nie 'rausschmeissen. Die haben ständig offen, diese Saubrüder. Die lassen mich nicht weg. Immer ist irgendwo was los. Bonusse. Turniere. Jackpot. VIP-Treffen. Spiele mit Sonderauszahlung. Das muss man doch alles mitnehmen..."
Man "muss" dass.
Die Boni hatten es ihm besonders angetan.
Dementsprechend sah das Zimmer aus.
Man stieg über einen Stapel alter Zeitungen aus dem Jahr soundso um die kleine Diele zu durchqueren, lenkte seine Schritte an Bananenkartons voller Müll vorbei, um neben einem Berg Wäsche auf einem Ohrensessel Platz zu nehmen, von dem man zuvor das gestapelte Geschirr der Vorwoche entfernte. "...ich warte immer, bis die Spülmaschine sich lohnt..."
Ihn störte all das nicht.
Und ansonsten auch keinen.
Denn da war keiner, der ihn besuchte.
Außer mir.
Aufmerksam geworden war ich auf ihn durch ein immer wieder aufkommendes Geräusch zu jeder Tages und Nachtzeit, das ich in seiner Herkunft nicht einordnen konnte.
Sein "Spieltisch" interessierte mich.
Admin in unserem Forum geworden, hatte ich von OCs wenig Ahnung.
Hier, im "Messiland" meines Nachbarn, der Tag und Nacht zockte, schlummerten die Kenntnisse dessen, was ich als Admin zumindest in den Grundzügen haben sollte.
Die auf und unter dem Tisch befindliche Technik wollte nicht so recht in das Restinterior des Zimmers passen (vielmehr war da nicht viel mehr, als Mengen an Zeitungen und Wegwerfartikel). Während überall der Staub sich noch eine Stelle suchte, wo er noch irgendwie Platz hatte, sahen zwei scheeweiße Arbeitsplatten wie sterile Op-Tische eines Lazarettarzts auf dem Kriegsschauplatz aus. Die Tastaturen sauber und gepflegt, die PC-Tower chromglänzend, wie frisch aus der Verpackung geholt, Glasreiniger mit Baumwolltüchern neben jedem Bildschirm.
Auf dem Bürostuhl sitzend, stieß mein Nachbar sich mit den Füßen ab und rollte von Monitor zu Monitor; manches Mal die ganzen vier Meter der beiden Arbeitsplatten entlang (was das Geräusch verursachte) routiniert zielsicher, um mal den einen, mal den anderen PC zu bedienen. Dabei waren die Kräusel von Drehtabak abbremsend im Weg, die auf dem Boden verteilt lagen (da kamen bestimmt fünf Päckchen Tabak zusammen, wenn man die aufgekehrt hätte).
Die fünf Bildschirme flimmerten Tag und Nacht; alte Röhrenmonitore gewaltigen Ausmaßes, die im milden Winter vor zwei Jahren jede Heizung ersparten.
Und auf jedem dieser Monitore war die Benutzeroberfläche eines Online Casinos zu sehen.
Auf drei PCs zokkte mein Nachbar mit Setzautomatiken, in die er die Setzweisen zuvor eingegeben hatte (später hat mich dann eingeweiht, wie das alles funktioniert).
Daneben das Röhrchen mit den "Captagon", damit er die Sitzungen durchhielt, "...Cappis müssen sein, sonst mache ich schlapp. Die Zockerei geht auf die Nerven..." und drei braunverschmierte Kaffeekannen (meine Aufgabe war es immer, sie zu füllen, denn ich brachte in diesen Monaten pfundweise den Kaffee, mit dem ich die Kenntnisvermittlung "bezahlte").
Zum Glück hatte mein Nachbar ein anderes Leiden als ich und war nicht herzkrank.
Auf zwei anderen Bildschirmen spielte er manuell.
Ein Casino mit digitaler Auslosung, ein anderes mit croupiergeworfenen Coups - mit der Webcam live in Echtzeit.
So kam es, dass ich mir eine Zeit lang täglich die zwei, drei Stunden gönnte und von meinem Nachbarn insoweit profitierte, in die Welt der Online Casinos eingeweiht zu werden. Ich erfuhr vieles über die verschiedenen Spielangebote der OCs, über die differenzierte Software, mittels derer die Zufallsgenerik bewerkstelligt wurde, über die Begrenztheit bestimmter Spieltechniken, da die Software bestimmter Casinos nur für bestimmte Setzweisen geeignet war, über den Einsatz von Bots, über die Fallen der Bonusvergaben, über die Schwierigkeiten der Auszahlung von Gewinnen und den Geldtransfers.
In einigen Beiträgen, die ich für dieses Forum geschrieben habe, ist viel erlangtes Wissen aus dieser Zeit mit eingeflossen.
Über die ausgezahlten Gewinne und die Einzahlungen hatte mein Nachbar genau Buch geführt. In genau neununddreißig (!) prall gefüllten Aktenordnern befand sich die ausgedruckte Korrespondenz der eMail-Verkehre, nebst Einzahlungsbelegen, Kreditkartenabrechnungen und Kontoauszügen, Screenshots von den letzten Spielkontoständen als Nachweis für etwaige Unstimmigkeiten und Spielverlaufsprotokolle.
Die überwiesenen Gelder, die ich überflog, beliefen sich so um die vierzig oder fünfzigtausend Euro. "...bin aber zwanzigtausend 'rück..." gab er unumwunden zu. Das sei nicht viel für zwei Jahre Spiel an fünf Leitungen, meinte er. Wenn er fünfzigtausend im Plus liege, wolle er aufhören. Es lohne sich nicht. Wenn er vorher gewusst hätte, wie aufwendig das alles sei, wäre er nie auf die Idee gekommen, überhaupt damit anzufangen.
Er wolle wieder in den richtigen Casinos spielen.
Aufhören wollte er.
Ich hatte mich in seiner Wohnung umgesehen.
Ob er das wohl noch schaffen würde?
Dass ich kein Liebäugler mit dem Online-Roulette bin -ganz und gar nicht-
ist hier im Forum allgemein bekannt.
Nach über dreißig Jahren an den Tischen mutet es einem schon merkwürdig an, seine Einsätze an der Flimmerkiste zu platzieren und auf eine nicht kontrollierbare Zahlenauslosung angewiesen zu sein, von der man so oft behaupten kann, wie man will, sie sei zufallsgenerisch korrekt - wer überprüft es?
Aber mein Zimmernachbar hatte mich da beruhigt; in den zwei Jahren des Experimentierens sei es nur einmal bei ihm vorgekommen, dass er sein Geld nicht bekommen habe.
"...die waren ganz einfach weg vom Bildschirm. Keine Adresse mehr im Web. In Luft aufgelöst. Zweitausend Piepen in den Sand gesetzt..."
Wohl oder übel wollte ich mich im vergangenen Jahr damit beschäftigen - notgedrungenerweise kommt man an der Thematik ja nicht vorbei; weshalb ich mir zwei Monate lang die Stunden bei meinem Nachbarn um die Ohren geschlagen hatte, um (nicht eben enthusiastisch) als Admin dieses Forums mehr pflichtbewusst einige der Offerten anzusehen, eine Woche lang die Benutzeroberflächen zu testen, Funmodi zu spielen und die doch sehr unterschiedlichen Regelwerke zu studieren, bevor's richtig los gehen sollte.
Wenn man Roulettespieler ist wird man ja nicht gerade überschüttet mit Boni.
Als Poker- oder Slotmachine-Spieler sieht's anders aus.
Und wenn Boni angeboten werden, dann sind es horrende Umläufe des Kapitals, die man zuwege bringen muss, sodass auch das bar eingezahlte Kapital solange blockiert ist, bis man es zig-mal im Spiel aufgelegt hat. Die Konditionen sind hierbei oft nicht gerade einladend - wenn Roulette überhaupt zu den angebotenen Spielen gehört, die bei dem jeweiligen Betreiber zur Erlangung der Boni offeriert werden. Fast möchte man mancherorts im worldwideweb meinen, Roulettespieler seien lediglich ein geduldetes Übel im Gegensatz zu Kartenzokkern und Automatendaddlern.
"...zockst Du eben mit den Bonussen auf den Slottis... ...wenn's weg ist, ist's weg. 's ist ja eh' Bonusgeld... ...und wenn's stehen bleibt, dann wechselste eben auf Roulette... ...ich spiele ohne Bonus. Da krieg' ich in jedem Fall meinen Gewinn 'raus. Wie soll's den sonst anders laufen..? ...spielst Du auf Boni, geht's nur so, wie ich Dir sage... ... ..."
Auf diesen einleuchtenden Rat hin, hatte mich entschlossen, auf diese Boni ganz zu verzichten.
In den realen Casinos hatte ich mein Leben lang gewonnen, da waren Bonusofferten die Ausnahme - gemessen am Kapitaleinsatz waren sie in ihrer Höhe meist unerheblich, wenn in Spielbanken entsprechende Aktionen durchgeführt wurden.
Was an den Spieltischen in den Spielsälen funktionierte, musste dann in den digitalen Zokkbuden schliesslich auch zum Erfolg führen.
Vielmehr war meine Überlegung einfach und simpel folgende, dass mit den Zahlenläufen irgendetwas nicht stimmen kann, wenn ich mit überdurchschnittlichen Kapitalminderungen aus dem Spiel herausgehen sollte. In dieser Hinsicht wollte ich Resümé ziehen, ob ich online weniger Gewinn gemacht haben würde, als in den Spielbanken die Jahre zuvor, oder ob es sich glich; fairerweise hätte man sogar noch die Variante hinzufügen müssen, ob ich dort vielleicht sogar größeren Erfolg hätte haben können (was ich für ausgeschlossen hielt).
Nach einem positiven Eindruck bei meinem Nachbarn, hatte ich mich entschlossen, das Ganze mit dem mir möglichen Abstand zur Sache neutral anzugehen - das Vorurteil hatte ich ohnedies aus einer ganz persönlichen Situation heraus beiseite gelegt, was diejenigen unter uns, die mich inzwischen näher kennen (Stammleser) leicht nachvollziehen können - womit mein Report beginnt, den ich hier unkorrigiert in's Forum stelle, geschrieben Ende 2007 (etwa zum Jahreswechsel), editiert 2008 (Threaddatum!) ...und wenn Akteur nicht gewesen wäre, hätte ich ihn weggeschmissen.
Inzwischen habe ich die Infarktfolgen überwunden, trainiere ich wieder ab und zu an den Tischen und der Gedanke an die OCs hat sich vollständig erledigt.
Nachtfalke sagte am 15 Feb 2009, 17:35:
Und eine "verunglückte Spielteilnahme"
Ist ganz lustig
(gar nicht admin-gerecht
Wenn Du willst, stelle ich den Report in diesen Bereich ein (eigentlich wollte ich's gar nicht mehr, es war schon für den "Windows-Papierkorb" gedacht)..."
Also - zurücklehnen, alles beim Lesen nicht so genau nehmen und schmunzeln.
Dies ist "Ausschuss"ware der Redaktion
Nachtfalke.
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