Der lebende Beweis für Millionengewinne beim Roulette

Reportage in der "Bild am Sonntag" vom 21. Juli 2002
"Vor diesem Mann aus Sachsen zittern die Casinos in aller Welt - er gewinnt zu oft. Christian Kaisan (57) ist .....
Der Spieler
Spielen ist keine Kunst.
Aber Aufhören.“ (Sprichwort)
Von ALBERT LINK
Als Christian Kaisan (57) zum ersten Mal nach der Wende bei einem Klassentreffen in seiner sächsischen Heimat auftaucht, schauen sie ihn an, wie den unbekannten Onkel aus Amerika. 30 Jahre ließ er sich nicht mehr blicken. Jetzt hat er ein Problem: die "Und was ist aus dir geworden?“-Frage.
Sicher: Mit einer Notlüge käme er durch. Die angehäuften Millionen sieht dem Privatier im Poloshirt keiner an. Er könnte Briefmarkenhändler in Bottrop sein oder Hausmeister in Halle. Jedenfalls solange sei Zwölf-Zylinder-BMW in der Garage steht und nicht zufällig ein Kenner von Luxusuhren auf sein Handgelenk schaut.
Andererseits: Warum sollte er sich schämen für das, was er tut? Dafür, dass seine ,,Berufskleidung“ aus feinem Zwirn im Fliege besteht. Dass er spielend Millionär geworden ist...
Christian Kaisan ist ein ,,Spieler“, auch wenn er den Begriff nicht besonders mag. ,,Gewinner“ ist ihm lieber. Er lebt vom ,,Anschaffen“, wie es in der Zockersprache heißt. Ist einer von ,,maximal 40 Roulett-Profis weltweit“, nach eigener Einschätzung sogar ,,einer der fünf besten“. Einer den sie am Flughafen von Sydney oder war‘s in Montevideo - schon mal im Rolls Royce abholen und als V.I.P. direkt vors Casino karren. Kurzum: ein ,,Global Player“.
Nur: Wie soll man das seinen ehemalige Klassenkameraden klarmachen?
Dass Ehrlichkeit in seinem Fall erklärungsbedürftig ist, weiß der kauzige Leipziger, der heute in der Nähe von Hamburg lebt : ,,Bevor mir jemand glaubt, muss ich mir jedes Mal den Mund staubig reden.“
Vier Mineralwasser braucht er beim Gespräch mit der BamS. Ansonsten kein Problem: Er redet gern. Dabei hat er die Presse zeit seines Lebens gemieden: ,,Mein Beruf verträgt eigentlich keine Publizität.“
Der Mann hat zwei Gründe für seine Ausnahmegesprächigkeit: Zum einen ist er ein bisschen eitel, will wenigstens einmal aus dem Zwielicht ins Rampenlicht. Er, der zeit seines Lebens nur Misstrauen geerntet hat statt Applaus. Obwohl er gut ist in seinem Metier. Was heißt gut? Der Beste!
Zum anderen hat er jetzt ein (rechtskräftiges) Urteil vor Osterreichs oberstem Gerrichtshof erstritten. Er hat nun schwarz auf weiß, dass ihn Casino Austria zu Unrecht vom Spiel ausgegrenzt hat. Fast europaweit hieß das für ihn: Game over.
Aber zurück zum Spielbeginn: Wie hat alles angefangen? Wie wurde er zum ,,Zocker vom Dienst“? Kaisan seufzt, bestellt noch ein Wasser und erzählt...
.....wie er zu DDR-Zeiten erst zufällig Besitzer eines Kinderroulettes, dann Betreiber einer Wohnzimmerspielbank wird, wie er von seinem Gewinn 50 000 Mark Ost für einen Stasi-Beamten abzweigt und sich so die Ausreise in den Westen erkauft;
......wie er 1981 als Kellner auf der Reeperbahn anheuert und nach Feierabend die Casinos der Umgebung abklappert, vorerst, ohne etwas einzusetzen.
,,Ich habe Roulette dreieinhalb Jahre nur studiert“, sagt er, und zum ersten Mal schwingt Stolz in seiner Stimme mit. ,,Ich war überzeugt davon, dass man alles berechnen kann.“
Der ,,Perfektionist“ (Kaisan über Kaisan) träumt vom ,,sicheren“ Gewinn. Von der Bank, wohlgemerkt. Denn eins hat er sich nach der Flucht aus Leipzig geschworen:
,,Nicht noch einmal auf Kosten von Bekannten oder Freunden reich werden.“
In den Hamburger Casinos wird er zunächst belächelt: Er ist der Sonderling mit dem Zwirbelbart, der immer akribisch Zahlen mitschreibt. ,,Junge, das haben schon ganz andere vor dir versucht“, ziehen ihn die Spieler auf. Wegen seines Dialekts verpassen sie ihm den Spitznamen ,,Der Sachse“.
Mitte der ,,Ochz‘sch‘er“-Jahre wagt der Sachse dann sein erstes Spiel. Und gewinnt. Dank ,,Kesselgucken“, wie Kaisan sein ,,offenes Erfolgsgeheininis“ nennt.
Im Detail verrät er so viel: ,,Ich suche bestimmte Tische aus, beobachte die Drehung des Zahlenkranzes und der entgegengesetzt kreisenden Kugel.“ Einziges ,,Hilfsmittel“ zunächst: eine Stoppuhr. ,,Zwei Drittel Können, ein Drittel Gefühl“ gehörten dazu, um abzuschätzen, wo die Kugel landet. Glück? Iwo.
Kurz bevor der Croupler ,,rien ne va plus“ sagt "nichts geht mehr“ -, macht Kaisan sein Spiel: ,,Plein vier vier“. Das heißt: Er setzt auf eine Zahl und deren vier rechte und linke ,,Nachbarn“. Insgesamt 9 der 37 Fächer auf dem Nummernkranz.
Natürlich gewinnt er damit nicht immer - - der Zufall spielt mit, wie es sich für staatlich organisiertes Glücksspiel gehört. Allerdings macht der Sachse bereits ein dickes Plus, wenn er mit jedem dritten Tipp richtig liegt.
1986 beginnen die fetten Jahre: Kaisan spielt über 300 Tage im Jahr, bis zu 14 Stunden am Stück. Betrachtet das als "ganz normale Arbeit“: "Ein Gefühl, als ob Du zur Spätschicht gehst." Er riskiert jetzt den höchsten Einsatz: 3600 Mark pro ,,Schuss“, wie er die einzelne Ronletterunde nennt. Möglicher Gewinn: 14000 Mark. Ein ehemaliger Croupier: ,,In diesem Fall gab der Sachse stets das Doppelte des üblichen Trinkgelds — 800 statt 400 Mark. Das machte ihn bei uns Drehern beliebt.“
Eine weitere Stärke kommt hinzu: Disziplin. Kaisan weiß, wann er aufhören muss. Acht Millionen Mark nimmt er nach eigenen Angaben im Lauf der Jahre mit nach Hause.
Und verzockt sich nie? "Doch. Einmal, 1990 in Bregenz. 100 000 Mark in 20 Minuten. Zu viel Champagner." Er, der sonst während der Arbeit nicht mal ein Bier anrühert, verliert die Kontrolle.,,Da habe ich gezockt wie ein vergifteter Affe“, schämt er sich noch heute.
Denn Kaisan legt Wert darauf, dass er "im eigentlichen Sinn kein Spieler ist“. Er kennt zu viele Menschen, die an ihrer Spielsucht zerbrochen sind: Ein Zahnarzt hat sich vor meinen Augen ruiniert.“ Mit 200000 Mark steht der bei ihm in der Kreide. Der Sachse hat sie abgeschrieben. Und sie sich dort zurückgeholt, wo es für ihn einfacher ist: bei der Spielbank. Von den Gewinnen leistet er sich ein Luxusleben. Er feiert gern, reist vieL Erfüllt sich Jugendträume, fährt Lamborghini und Ferrari Testarossa. In Sachsen-Anhalt kauft und restauriert er eine standesgemäße Bleibe: das Wasserschloss Westerburg. Kostenpunkt: drei Millionen Mark.
Doch zugleich fühlt er sich immer öfter einsam. Der Sachse hat nur wenige echte Freunde. Und kein Glück in der Liebe. Die zweite Ehe geschlossen an einem Freitag, dem 13., in Las Vegas scheitert, die Wunschpartnerin lässt weiter auf sich warten. »Was“, wie er selbstironisch an-merkt, ,,auch daran liegen kann, dass ich seit 40 Jahren denselben Geschmack habe: Mir gefallen die 25-Jährigen.“
1991 testet Kaisan seine neueste technische Errungenschaft: eine "sprechende Stoppuhr mit Ohrknopf und Schalter im Schuh". So wird er nicht mehr durch den Blick auf die Uhr abgelenkt und hat beide Hände zum Setzen frei. Er gewinnt Summen, mit denen er nachts nur noch ungern über Parkplätze läuft. Aber vor allem erregt er das Misstrauen diverser Spielbankdirektoren von Warschau bis Wien. Zweimal muss er sich bis auf die Unterhose ausziehen.
Am 4. Oktober 1991 erteilt ihm Casino Austria offiziell Hausverbot und warnt andere Spielbanken. Eine nahezu europaweite Sperre ist die Folge. Das Mitführen und Benutzen technischer Hilfsmittel“ verbietet die Spielordnung aber erst zwei Jahre später. Kaisan beharrt deshalb da-. rauf, nie gegen gültige Regeln verstoßen zu haben. Es geht um die Spielerehre. Um die freie Ausübung seines Berufs". Er klagt.
Bis zur Entscheidung der Justiz vergehen Jahre. Magere Zeiten für Kaisan, der fast nur noch in Übersee spielt.
Als ihn auch noch die australischen Casinos vor die Tür setzen, tourt er durch Südamerika. In Europa hofft er auf Rehabilitation.
Dann das Grundsatzurteil: Casino Austria darf ihn als Berufsspieler nicht ,,willkürlich“ sperren Die Richter: Damit wäre wohl der Glücksspielcharakter als solcher in Frage gestellt, wenn die Monopol-Spielbank nur die letztlich erfolglosen Spieler an ihrem Spiel teilnehmen ließe.“
Eine herbe Schlappe für Casino Austria, zu der sich das Unternehmen trotz mehrmaliger BamS-Anfrage nicht äußern will.
,,Jetzt geht es um Millionen“, sagt Kaisans Innsbrucker Anwalt Günther Riess (45), der seinem Mandanten rät, auf "Verdienstausfall“ zu klagen. Zudem soll er bald wieder in ,,Felix Austria“ sein Spiel machen.
Doch der Prozesssieger denkt nicht daran zurückzukehren ,,Ich spiele nur dort, wo ich willkommen bin." Momentan bereitet er eine längere Dienstreise vor. ,,In die USA. Da warten Hunderte Casinos auf mich.“
Es ist spät geworden, der Zockerkönig will nach Hause. Auf dem Tisch liegt sein Autoschlüssel er fährt immer noch einen dicken BMW. Aber er wohnt jetzt zur Miete, hat sich freiwillig bei der AOK versichert. Er zahlt brav seine Steuern in Deutschland. "Der Preis eines guten Gewissens und eines gesunden Schlafes", so der Multimillionär.
Obwohl er in jüngster Zeit schlechter schläft. Er, der Dauergewinner, hat sich mit seinem letzten Deal verzockt. Was haben sie ihn dafür ausgelacht beim Klassentreffen. Wie kann man nur so unvorsichtig sein, Aktien der Deutschen Bank zu kaufen...?
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Nachtrag: Christian K. ist inzwischen auch Teilnehmer in diesem Forum (Teilnehmername Sachse) und beantwortet Fragen zum Thema Roulette und sein Gewinnkonzept im Thema Fragen an Sachse.

Foto: Flati
Christian Kaisan (der "Sachse") vor dem Bellagio Casinohotel in Las Vegas












