Zitat
...Allerdings glaube ich, dass PsiPlayer zwar nicht "psiplayed" aber von seinem Vortrag überzeugt ist. Er ist natürlich kein Schwindler aber - aus meiner Sicht - ein ziemlich Verirrter.
Auszug aus der
Zeitschrift für Parapsychologie
und Grenzgebiete der Psychologie
42/43, 2000/2001, S. 232-234
Antwort auf die Replik von Hergovich
Dankenswerterweise hat mir die Redaktion dieser Zeitschrift die Möglichkeit einer Antwort auf die vorstehende Replik von Andreas Hergovich gegeben. Anstatt nun auf die Kritik Hergovichs an meiner Kritik seines Buches (Hergovich, 2001) mit einer neuen Kritik einzugehen und den Prozess der Iteration in die 4. Runde zu treiben, möchte ich stattdessen versuchen, die wesentlichen Punkte dieser Diskussion zu benennen und darzustellen.
Dabei geht es meiner Meinung nach in fast allen Punkten um das gleiche zentrale Thema: Welche Schlussfolgerungen zieht man aus den Forschungsergebnissen der empirischen Parapsychologie? Oder anders formuliert: Welche Antwort gibt es nach 125 Jahren empirischer Forschung auf die Frage: „Gibt es Psi?“
In der Diskussion zwischen Hergovich und mir kann man diese zentrale Frage in zwei miteinander verknüpfte konkretere Fragen zerlegen:
1. Das Problem der negativen Psi-Definition
Hiermit ist gemeint, dass Psi-Forschung betrieben wird, ohne dass man genau weiß, womit man es zu tun hat. Psi wird meist negativ definiert, z. B. als die Übertragung von Informationen, ohne dass eine bisher bekannte (konventionelle) Methode benutzt wird. Der Buchstabe „Psi“ selbst wurde von Thouless & Wiesner (1948) eingeführt, um mit einem theorieneutralen Oberbegriff auf das bisher nicht Bekannte zu referieren. Das bedeutet, dass in dem Wort „Psi-Forschung“ bereits das Unbekannte anwesend ist. Eng verknüpft ist damit die zweite Frage:
2. Reichen empirische Daten aus, um einen Psi-Nachweis zu erbringen?
Hergovich macht deutlich, dass für ihn keine noch so aufwändige Metaanalyse und keine noch so umfangreiche empirische Studie mit signifikanten Ausgang ausreicht, den Psi-Nachweis zu erbringen, solange auch nicht ein überprüfbares theoretisches Modell vorhanden ist, das diese Effekte erklärt.
Das Problem meiner Meinung nach ist hier, dass (fast) alle mehr von den Daten erwarten, als diese bereit sind herzugeben. Was man braucht, um die bisherigen empirischen Befunde der Parapsychologie zur Bewertung hinsichtlich der großen Frage nach der Existenz von Psi zu verwenden, ist meiner Ansicht nach zweierlei: (i) eine große Nüchternheit und Achtsamkeit und (ii) ein gutes Maß an Ambiguitätstoleranz. Wer sich hier heranwagt, um für eine bereits bestehende Überzeugung („Telepathie existiert“, „die Parapsychologie wird nie in der Lage sein, einen Beweis für irgendetwas zu liefern“) das notwendige Material zu suchen, wird zwar selektiv immer fündig, aber dem Gesamtbild nie gerecht werden. Daher sollte man in der Interpretation nicht über das hinausgehen, was die Daten bereit sind zuzulassen.. Dieses Bild ist meiner Meinung nach nicht eindeutig und oft widersprüchlich. Bleibt man damit nun verwirrt zurück, helfen
hoffentlich die Ambiguitätstoleranz und ein guter Funken Forschergeist, um sich mit einer offenen und neugierigen Haltung daran zu machen, das offensichtlich lückenhafte Bild zu vervollständigen.
Wenn ich auf diese Art und Weise an das mir bekannte empirische Material herantrete, dann muss ich Hergovich zugleich widersprechen und Recht geben. Recht hat er, wenn er formuliert, dass der statistische Nachweis von Psi nicht besagt, dass die Existenz ´derartiger Phänomene` belegt wird. Mein Widerspruch zielt auf seine Folgerung, die er daraus zieht, nämlich dass es daher keinen Sinn hat, weitere Daten vorzulegen, die Psi belegen.
In einem nüchternen Sinne betrachtet, zeigen die Daten der signifikanten Metaanalysen und Studien folgendes: Es gibt sehr wohl etwas Nichtzufälliges, das den Erwartungen an das vorherrschende wissenschaftliche Weltbild widerspricht und das als „Psi“ bezeichnet werden kann. Nun verweist der Buchstabe, wie gesagt, auf das „Unbekannte“. Man hat es hier also mit etwas bisher nicht Bekannten zu tun, einer Anomalie, einem Widerspruch zu unserer vorherrschenden kausalen wissenschaftlichen Auffassung, in der für diese Befunde kein Platz ist. Nicht mehr und nicht weniger. Was das Unbekannte nun genau ist und wie es zustande kommt, ob durch Artefakte oder durch bisher nicht bekannte Sachverhalte, ist erst mal nicht oder nur schwer zu klären. Die Beschreibungen der Phänomene als „Telepathie“ oder „Hellsehen“ sind meist Vorstellungen, die älter sind als die entsprechenden empirischen Belege. Ob sich diese empirischen Anomalien mit Vorstellungen wie z. B. „Präkognition“ oder „Psychokinese“ zur Deckung bringen lassen und -wenn ja - wie eng, kann mit dem momentanen recht vorläufigen theoretischen Verständnis nicht geklärt werden.
Daher ist es meiner Meinung nach im Lichte dieser Situation (viele gute empirische Befunde, wenige stringente überprüfbare theoretische Modelle) wenig Sinn, die Frage nach der Existenz von Psi zu beantworten und anschließend den Fall zu den Akten zu legen. Offensichtlich gibt es etwas in unserer Welt, das nicht den Vorhersagen und Schlussfolgerungen des derzeitigen wissenschaftlichen Weltbildes entspricht. Eigentlich sollte man hier erwarten, dass sich eine Vielzahl von Forschern mit großer Neugier auf diese Anomalien stürzt, um ihren wahren Gehalt zu enthüllen. Überraschenderweise ist das Gegenteil der Fall. Die Diskussion über die Phänomene ist zu polarisiert. Sie ist mit einer Vielzahl von unumstößlichen Grundüberzeugungen und Ängsten, dem „falschen“ Lager zugeordnet zu werden, belastet. Den reinen, von der Neugier getriebenen Forschergeist, der zur Frage motiviert, wie die Welt nun ist, bringen meist nur noch die jungen Studierenden auf, die sich noch nicht an diesem (meist empirisch geführten) Disput die Finger verbrannt haben.
Psi-Forschung unterscheidet sich von anderen Themen der akademischen Forschung. Das Objekt der Untersuchung ist tatsächlich momentan nicht positiv definiert. Man sucht nach etwas Unbekanntem. Aber nimmt man die bisherigen Daten ernst, dann kann man davon ausgehen, dass es mit ziemlicher Sicherheit etwas gibt, was nicht in das bisherige Weltbild passt. Hier mit der Forschung nur deshalb aufzuhören, weil die genaue positive Definition fehlt, wäre töricht. So kommt man sicherlich nicht zu neuen Erkenntnissen.
Die Situation erfordert vielmehr, dass man, was die Theoriebildung angeht, auch einmal Neues, bisher nur schwer Denkbares wagen muss. Und dies auch immer mit der Möglichkeit des Scheiterns im Hintergrund. Die von Hergovich in seiner Replik kritisierten Modelle von Lucadou und Walach sind Beispiele dafür. Sie nehmen keinesfalls die EPR-Korrelation für buchstäblich, sondern entwerfen Erklärungsmodelle im makroskopischen Bereich, die sich in Analogie an das EPR-Phänomen anlehnen. Solche nicht-lokalen Erklärungsmodelle passen recht gut zu vielen Psi-Befunden und beide Modelle sind auch empirisch überprüfbar. Ob sie dieser Überprüfung auch standhalten, bleibt offen. Wichtig für die derzeitige Situation ist meiner Meinung nach, dass man sie wagt.
Gerne wird man als empirischer Parapsychologe für sein Forschungsinteresse als unwissenschaftlich oder pseudowissenschaftlich abgewertet bzw. – wie hier – als Anhänger einer aussichtslosen Bemühung angesehen. Man sollte deshalb ausdrücklich darauf hinweisen, dass „Wissenschaftlichkeit“ immer durch die Anwendung einer „wissenschaftlichen Methode“ gekennzeichnet wird, aber nie durch den Inhalt der Untersuchung selbst. Somit kann man die Qualität einer wissenschaftlichen Arbeit immer an ihrer Methode erkennen. Und in diesem Sinne gibt es gute und schlechte parapsychologische Studien, wie in jeder anderen akademischen Disziplin auch.
(Anschrift des Verfassers: Dipl.-Psych. Dr. Stefan Schmidt, Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene, Universitätsklinikum Freiburg, Hugstetter Straße 55, D-79106 Freiburg i. Br.; E-Mail: stefan.schmidt@uniklinik-freiburg.de)
Literaturverzeichnis
Hergovich, A. (2001). Der Glaube an Psi. Die Psychologie paranormaler Überzeugungen. Bern: Hans Huber.
Thouless, R. H. & Wiesner, B. P. (1948). The Psi Process in Normal and “Paranormal” Psychology. Journal of Parapsychology, 12, 192-212.
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Bearbeitet von PsiPlayer, 29 July 2010 - 13:06.












