efes sagte am 19 Mar 2009, 21:37:
Woran machst du das fest? Ich glaube eher, die eine Hälfte hat einfach zu wenig Ahnung von Spielsucht, und dem Rest ist sie nach dem Floriansprinzip egal.
Und wer ist deiner Meinung nach der Kreis der Erlauchten, die sich dieses Themas ausschliesslich annehmen dürfen?
efes
@efes
Es ist einfach ein Eindruck. Man konzentriert sich auf ein Thema. Und das ist dann interessenbezogen. Darum geht es mir. Zu hinterfragen welche Interessen sich plötzlich auf einen Suchtbereich stürzen, um in der Öffentlichkeit Politik so zu inszenieren, dass es angeblich keine Alternative zu der angestrebten Politik gäbe. Also entsprechend der Strategie - erst einmal die Zielvereinbarung - und dann überlegen wir, wie wir dieses Ziel hinbekommen. Das ist der eigentliche Grund, warum mich das Thema interessiert.
Es könnte ja auch der umgekehrte Weg gegangen werden: Wir stellen fest, dass es Probleme gibt. Also erst einmal Analyse. Dann beschäftigen wir uns damit, wie es dazu gekommen ist. Und dann können wir uns überlegen, ob es nicht ausreicht, einen Baustein im Problembauwerk herauszunehmen oder einen mit einer anderen Qualität einzubauen, um den gleichen Effekt des Problemabbaus zu erreichen.
Das ist die sowjetische Art, Raketen zu bauen. Das Space-Shuttle geht in den Ruhestand, die Sojus-Kapseln funktionieren immer noch. Wohlgemerkt die sowjetische Art funktionierte nachweislich beim Raketenbau. Im Alltag offensichtlich weniger.
Im Krankenhauswesen scheint sich diese Art des Denkens neuerdings auch versuchsweise zu etablieren. Es gibt die Erkenntnis: "Wir machen alle Fehler! Lass' uns doch von den Fehlern lernen." Nur gibt es das Problem der Verantwortlichkeit. Das wird durch anonymisierte Formen der Fehlerbekanntmachung behoben. So entsteht ein Bewusstsein darüber, dass andere erst einmal auch Fehler machen und es gibt durch die Fehlerbekanntmachung das Bewusstsein darüber, dass evt. die eigene Handlungsweise die Fehlerverursachung bei anderen auslöst.
Wogegen ich mich wende ist die Poppersche Art des Denkens: "Wir haben ein Problem? Lass es uns lösen. Gibt es neue Probleme aus der Lösung? Nun, dann lass uns diese neuen Probleme lösen. Ergeben sich schon wieder Probleme aus den Lösungen der Probleme der ursprünglichen Problemlösung? Lass uns neue Lösungen der Probleme aus den Problemlösungen der Lösungen für die ursprüngliche Problemlösung entwickeln. Etc."
Mir scheint aber die Diskussion um die Spielsucht darauf hinauszulaufen, dass man die Verursachungsentwicklung völlig unterschlägt, um damit in der Öffent-lichkeit Imageverluste zu vermeiden. So reduziert sich die öffentliche Diskussion auf das Thema der Spielsüchtigen, vermeidet aber die Diskussion um die suchtauslösenden Momente. Oder gab es schon immer 90 % Süchtige? Ich habe da meine Zweifel. Das ist eine ähnliche Diskussion - nur in einem ganz anderen Bereich - wie die Debatte um die Arbeitslosigkeit. Man reduziert das Problem auf die mit dem Problem Behafteten. Man meidet die wechselseitige Verantwortlichkeit. Dies hat auch seine Logik: Es ist einfacher einen Menschen - schwach, da einzeln - verantwortlich zu machen, als das komplizierte Wechselspiel zwischen Menschen und zwischen Menschen und Organisationen zu überlegen und zu analysieren und deren Verantwortlichkeit jeweils festzumachen. Deshalb hatte ja auch Ronald Reagan so einen großen Erfolg.
Der Kreis der Erlauchten kann sich - aus meiner Sicht - aus denjenigen bilden, die zum einen die Erfahrung haben, sich selbst kritisch zu hinterfragen oder aber sich ohne Erfahrung hinterfragen, wobei die eigenen Schwächen immer mit im Beobachtungsfeld sein sollten. Letztere sind deshalb so interessant, weil es innerpsychische Strukturen gibt, aus denen man nicht herauskann oder aber aus denen man auch nicht heraus WILL. Jedenfalls kann man an ihnen festmachen, warum man so reagiert, wie man reagiert. Und das kann durchaus individuell unterschiedlich sein. In diesem Zusammenhang interessiert mich lediglich die Spielsucht und nicht andere Arten von Süchten, die etwa durch Zufuhr physischer Reize (Alkohol, Drogen o.ä.) zu körperlicher Abhängigkeit führen können. Die Tabakindustrie ist z.B. bekannt dafür, wie sie systematisch physiologische Zusammenhänge im Körper ausforschte, um sich zu überlegen, wo sie eingreifen kann, damit man beim Rauchen bleibt.
Mich interessiert außerhalb der eigenen Schwächen, wie man psychisch manipulierbar ist, so dass man "psychisch" durch Auslösen äußerer Reize aber auch durch Übertragung von Stimmung ein bestimmtes Verhalten annimmt, aus dem man sich selbstbestimmt nicht lösen kann. Hier setzt die Verantwortung der Spielindustrie, aber auch der Gesellschaft (s. Erfolgsmensch-Idol) oder aber auch evt. von Mitmenschen ein. Und das Ganze dann mit Verboten zu lösen, scheint mir nicht dem Ideal dieser Gesellschaft zu entsprechen, in dem jeder "frei" sein sollte.
Aber wie gesagt, eine offene Diskussion scheint deshalb nicht stattzufinden, weil man damit Leuten auf den Schlips tritt.
Ich meine, dass dies durchaus eine Bereicherung wäre, als sich nur ständig mit dem "Internet" (v.d.L.) profilierungsSÜCHTIG zu gerieren.
Richtig ist tatsächlich, dass wohl viele keine Ahnung haben. Und die, die Ahnung haben, leben davon oder ihnen ist es egal, wie Du bereits schriebst.
Café